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Das chinesische Neujahrsfest in Singapur

Im alten China erwachte jedes Jahr im Frühling eine als Nian bekannte mystische Kreatur aus dem Winterschlaf, um die Landschaft zu verwüsten. Getreide, Vieh und sogar Bauern fielen dem ungeheuren Appetit der Kreatur zum Opfer. Eines Tages beschlossen die Dorfbewohner, sich zu wehren. Sie trommelten, schlugen Becken und Gongs und bauten ein Löwenmodell aus Bambus und Papier, um den Nian zu vertreiben. Es funktionierte, und die Tradition hat sich seitdem fortgesetzt. Dies ist der Ursprung des Löwentanzes zum chinesischen Neujahrsfest.

Der Löwentanz ist in Singapur während des chinesischen Neujahrsfestes nach wie vor ein allgegenwärtiger Anblick. Sie können die Löwen überall hören und sehen, egal ob Sie sich gerade in Chinatown oder Clementi befinden. Auf der ganzen Insel treten Löwentanztruppen in Büros, Geschäften und Tempeln auf, um das von Nian symbolisierte Unglück zu vertreiben und den Wohlstand einzuläuten. Ein chinesisches Neujahr ohne das Gong-Gong-chang! des Tanzes wäre undenkbar.

Aber wie sieht das chinesische Neujahrsfest von der anderen Seite der Löwenmaske aus? Ich springe hinten auf den Truck der Yu Quan Athletic Association, um die Feierlichkeiten durch die Augen einer Löwentanztruppe zu betrachten. Und nein, es wurden keine Nians gesichtet.

Erster Halt: West Mall

Das chinesische Neujahrsfest in Singapur

Die Yi Quan Athletic Association ist seit fast einem Jahrzehnt Teil der örtlichen Szene. Laut Gründer Lionel Leong ist das chinesische Neujahrsfest die geschäftigste Zeit der Truppe. Dieses Jahr hatte sie mehr als 150 Vorstellungen in zwei Wochen.

„Ich glaube, dass die Menschen immer abergläubischer werden“, sagt Lionel. „Selbst die Geschäftsführer ausländischer, multinationaler Konzerne mieten uns und begrüßen diesen Aspekt unserer Kultur. Ich finde, das ist eine tolle Sache.“

Die erste Aufführung, an der ich in der West Mall in Bukit Batok teilnehme, ist eine der größten Aufführungen der Truppe. Statt der üblichen zwei Löwen bat Lionel andere Truppen um Hilfe und hat acht Löwen vorbereitet. Als die Darsteller die überdimensionalen Trommeln hereinrollen und Kletterstangen für die Löwen aufstellen, hat sich bereits eine kleine Menschenmenge angesammelt, die ihre Kameras zückt und wartet.

Das chinesische Neujahrsfest in Singapur

Unter den Zuschauern ist der 62-jährige Herr Loke, ein Bewohner der Nachbarschaft, der seit seiner Kindheit bereits Dutzende von Löwentanzvorstellungen gesehen hat. „In den 60er-Jahren hatten wir keine Einkaufszentren wie diese hier, und vor allem hatten wir keine Klimaanlagen", erinnert er sich. „Sie haben also die Straße vor meinem Haus gesperrt und die Löwentänzer kamen dann die Straße herunter, um Cai Qing [der Höhepunkt des Tanzes] vorzuführen und Ang Pow einzusammeln.“

Herr Loke denkt zurück an den Krach, die die Feuerwerkskörper während des Festivals verursachten und erinnert sich, dass selbst nachdem sie verboten wurden, es immer noch speziell ausgewiesene öffentliche Plätze gab, wo man diese zünden konnte. Diese öffentlichen Plätze wurden zu einem Treffpunkt, an dem die Bewohner der Nachbarschaft den Löwentanz sehen konnten. Die zentrale Halle der West Mall verbreitet vielleicht nicht dieselbe Stimmung wie die alten Straßen Singapurs, aber das heißt nicht, dass die festliche Stimmung weniger deutlich zu spüren ist als zu der Zeit, die Herr Loke als die „gute alte Zeit“ bezeichnet.

Um 15:18 Uhr – einer für die Geschäfte guten Zeit – marschieren Lionel und seine Truppe den Korridor des Einkaufszentrums entlang, begleitet von scheppernden Becken und dröhnenden Trommeln. Die Menge drängt sich nach vorn, um eine bessere Sicht zu erhaschen und einige beugen sich sogar so weit nach vorne, dass sie den Gott des Reichtums anfassen oder umarmen können, während sie rufen: „Huat ah! Huat ah!“. Dann bekommen die Löwen von dem Management des Einkaufszentrums die Orangen, ordnen die Früchte auf dem Boden zu glückverheißenden Worten an und lassen die Orangenschalen auf das Publikum niederregnen, um ihnen Glück und Reichtum zu bringen. Darauf folgt eine Welle von Jubel und Applaus.

Da sie an dem Tag noch andere Vorstellungen haben, eilen Lionel und seine Truppe schnell zum nächsten Ort.

Tao Tian Keng (斗 天宫)

Das chinesische Neujahrsfest in Singapur

Bei der Zeremonie im Tao Tian Keng-Tempel in Jurong gibt es allerdings ein ganz anderes Tier zu bestaunen. Das Gotteshaus ist eine Kombination aus zwei kleineren Tempeln – Tao Tian Keng auf der Choa Chu Kang und Tua Oek Kong auf der Mohamed Sultan Road – und ist gleichzeitig einer der größeren Tempel in Jurong West. Zu jedem chinesischen Neujahr um Mitternacht statten Hunderte von Gläubigen den Göttern einen Besuch ab und erbitten ihren Segen.

Als ich kurz vor 22:00 Uhr Tao Tian Keng besuche, wartet bereits eine Schar von Gläubigen vor dem Tempel. Auf dem Platz daneben gibt es einen kleinen Jahrmarkt. An den Ständen kann man alles Mögliche kaufen, von Blumen bis hin zu kleinen Häppchen. Diejenigen, die keine Räucherstäbchen mitgebracht haben, bilden eine lange Schlange am Weihrauchstand und machen den Verkäufer zum glücklichsten Mann des Abends. 

Das chinesische Neujahrsfest in Singapur

Für Yi Quan war es eine besondere Performance: die Truppe taufte zwei neue Löwen in einer so genannten Dian Jing- oder „die Augen bepunktenden“ Zeremonie. Dian Jing ist ein symbolischer Akt, in dem der Löwe „zum Leben erweckt wird“, bevor er auftreten kann. Das ist immer ein wichtiger Moment für jede Truppe, da es „mehr Löwen und mehr Mitglieder“ bedeutet, freut sich Lionel.

Als der Tempel seine Türen öffnet, strömt die Menge hinein. Frau Lim, eine Gläubige, hält ein Bündel Räucherstäbchen in der einen Hand und hält ihre ältere Mutter mit der anderen Hand an der Schulter fest. „Ich komme jedes Jahr mit ihr hierher, weil ich nicht will, dass sie sich verläuft“, sagt Frau Lim, während sie Räucherstäbchen anzündet. „Sie ist zwar mittlerweile etwas älter, aber möchte trotzdem jedes Jahr an den Feierlichkeiten teilhaben. Es ist praktisch, dass der Tao Tian Keng-Tempel so nah an unserem Haus liegt. So muss sie nicht weit fahren.“

Um 11:30 Uhr, nachdem die Gebete gesagt und die Glocken geläutet wurden, beginnen die Trommeln zu schlagen. Lionel und seine Truppe überprüfen noch einmal alles, bereiten die Löwen vor und haben für die Veranstaltung sogar zwei Drachen mitgebracht. Sie sind immerhin dafür verantwortlich, das neue Jahr einzuläuten.

Das chinesische Neujahrsfest in Singapur

Während die Löwen und Drachen zum Lärm der Trommeln tanzen, beginnt ein Ansager den Countdown ins neue Jahr. Als der Countdown zu Ende ist, regnet es Konfetti auf die kostümierten Tänzer und die Menge eilt in den Tempel, um zu beten. Ich entdecke Frau Lim, eine ältere Dame, und frage sie, ob die Feierlichkeiten dieses Jahr mit denen ihrer Jugend zu vergleichen sind. „Es gab damals viel mehr Leute und viel mehr Lärm“, seufzt sie “es fühlte sich mehr nach chinesischem Neujahr an“.

Und dann ist die Bühne frei für das eigentliche Highlight des Abends. Die Löwen versammeln sich und ordnen auf dem Boden Orangenschalen so an, dass sie eine vierstellige Zahl formen: richtig, für die 4D-Lotterie. Aber niemand weiß, dass diese Zahlen willkürlich sind. „Wir erfinden [sie] einfach vor Ort“, sagt Lionel lachend. „Vor ein paar Jahren hatte jemand die Zahlen meiner Truppe gekauft und den ersten Preis gewonnen!“

Das Jahr des Pferdes beginnt also genau so, wie jedes neue Jahr schon seit Jahrzehnten beginnt: mit dem Brüllen eines Löwen und dem Dröhnen einer Trommel. Was Lionel und seine Yi Quan Athletic Association angeht, so hat ihre Arbeit gerade erst begonnen. Auf ihn warten fünfzehn Tage voll Vorstellungen, manchmal sogar 20 Stück an einem einzigen Tag. Doch trotz endloser Telefonate, Verwechslungen beim Zeitplan und der gelegentlichen Verspätung von Mitgliedern seiner Truppe bleibt Lionel optimistisch.

„Auch wenn der Löwentanz sich mittlerweile mehr zu einem Geschäft statt einer Kunst-Performance entwickelt hat, wird das Herzstück des Löwentanzes und des chinesischen Neujahrs immer hier sein, egal was kommt.“

Somit ist klar, dass der Löwe noch lange nicht ausgestorben ist.

 

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der Yi Quan Athletic Association.